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Der „Schandarm“

Mitte der 1950er-Jahre, Wittlich.

In Wittlich gab es nur einen Polizisten: Nennen wir ihn Wachtmeister Schulze, Zeitzeugen wissen seinen richtigen Namen. Vielleicht gab es auch mehr Polizisten, aber ich kann mich nicht erinnern, zu der Zeit jemals einen anderen gesehen zu haben.
Wachtmeister Schulze jedenfalls (vielleicht war er auch Ober- oder gar Hauptwachtmeister?) war nicht zu übersehen, wenn er in seiner martialisch anmutenden schwarzen Gendarmenuniform, dem an der Seite baumelnden Schlagstock und dem charakteristischen Tschako, dem damaligen Polizeihelm, in der Stadt unterwegs war. Er war für alle der "Schandarm".
Schandarm Schulze war gefürchtet. Besonders von uns Kindern. Wenn er gesichtet wurde, waren wir alle ganz brav und vermieden es, irgendwie aufzufallen.
Foto von 1952: Knabe Helmut vor dem Wohnhaus in der Böhmerstraße Unser bevorzugter Spielplatz war ein kleiner flacher von einem Buschwald eingegrenzter Uferstreifen an der Lieser, der über eine schmale Steinbrücke von der Himmeroder Straße aus erreichbar war. Ein idealer Ort für Winnetous und Old Shatterhands oder Räuber und „Schandarme". Oder zum Fischen.

Das war natürlich verboten.
In Ufernähe tummelten sich Unmengen von kleinen Fischchen, die einmal Forellen oder Äschen oder Schmerlen oder Döbel werden wollten. Es erforderte großes Geschick, Ausdauer und volle Konzentration, die kleinen, wendigen silbern glänzenden Dinger mit der Hand fangen zu können.
Die Konzentration war es dann auch, die uns zum Verhängnis wurde, weil wir nicht bemerkt hatten, dass plötzlich der „Schandarm“ hinter uns stand.
„Was macht ihr da? Ihr seid am Fischen?!“. Was sollten wir da noch sagen? Das war Frage und Antwort zugleich.
„Wie heißt ihr? Wo wohnt ihr?“. Betretenes Rumgedruckse.
„Ihr kommt alle mit!“
Die Gefühle, mit denen wir hinter dem „Schandarm“ hertrotteten, muss ich hier nicht beschreiben.
Es waren nur ein paar hundert Meter bis wir die ersten Häuser erreichten. Beim zweiten oder dritten drangen Stimmen aus einem offenen Fenster. Drinnen saßen ein paar Männer beim Kaffee (oder Schnaps?), der „Schandarm“ schaute hinein und unterhielt sich kurz. Mit dem Befehl „ihr wartet hier bis ich wiederkomme!“ ging er ins Haus und gesellte sich dort zu der Versammlung. Er bekam auch einen Kaffee (oder Schnaps?).
Wir warteten. Und warteten. Bis der Mutigste von uns flüsterte „kommt, wir hauen ab!“.
Es dauerte einen kurzen Moment der Überlegung bis der Nächsmutigste „ja, hauen wir ab“ sagte. Damit war’s entschieden: wir hauten ab. Zunächst ganz vorsichtig den Rückzug antretend, dann schneller, dann nahmen wir die Beine in die Hand bis wir außer Sichtweite waren.

Ich möchte wetten, dass der „Schandarm“ drinnen gesagt hat „Gottseidank, jetzt sind sie weg. Jetzt kann ich wieder gehen“.

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Der „Tatort“ auf Google Maps: 49°59'14.9"N 6°53'03.7"E